Bäumige Produkte

Weitverbreitet ist die Ansicht, dass Hochstammobst passé sei: Der Pflegeaufwand für die Bauern sei viel zu hoch, die kleinen Früchte taugten nichts als Tafelobst und aus dem Fallobst gebe es nur minderwertige Schnäpse. Doch weit gefehlt! Denn

immer mehr Landwirte nehmen sich wieder mit viel Herzblut diesen fruchttragenden Riesen an. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe:Hochstamm-Obstbäume sind oft alte Sorten, die gut angepasst sind an die hiesigen Bedingungen. Sie sind gesund und haben tiefe Wurzeln, so überstehen sie auch trockene Perioden ohne Bewässerung.

 

 

 

 

 

  1. Immer mehr Leute interessieren sich wieder für traditionelle Nutzpflanzen, ProSpeciaRara-Märkte sind richtiggehende Publikumsmagnete. Das Interesse an alten und einheimischen Sorten und ihren Qualitäten ist wieder erwacht.
  2. Der Landschaftsschutz: Hochstammbäume gehören vielerorts einfach zum Landschaftsbild, so zum Beispiel im Luzerner und Aargauer Seetal. Landschaften mit den Streuobstwiesen, die wir alle so schön finden, sollen auch für unsere Kinder erhalten bleiben.
  3. Die Ökologie: Viele bedrohte Vogelarten, aber auch Insekten wie Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind auf hochstämmige Obstbäume angewiesen. Viel zu viele Arten sind in den letzten Jahren schon verschwunden oder heute stark bedroht, weil oftmals geeignete Nistplätze, aber auch Futter Mangelware geworden sind.
  4. Mittlerweile entdecken engagierte Produzenten die Früchte von Hochstammbäumen wieder und bringen wunderbare Produkte auf den Markt, ganz nach dem Motto: Geniessen, wie es unsere Vorfahren taten. Nicht aus Retroverliebtheit, sondern weil diese Produkte einfach natürlich und wunderbar schmecken.
Sortenreine Obstsäfte und Schorle, aber auch Dörrobst und Eingemachtes sind beliebte Produkte aus Hochstammkulturen.

Sortenreine Obstsäfte und Schorle, aber auch Dörrobst und Eingemachtes sind beliebte Produkte aus Hochstammkulturen.

Sicher ist der Arbeitsaufwand für die Bauern grösser als bei den modernen niedrigen Bäumchen, die oftmals praktischerweise als Spaliere oder sogar als Säulenobstbäumchen gezogen werden. Deren Früchte sind zudem meist grösser als bei den Hochstammverwandten und oft sogar fast millimetergenau „genormt“.

Das heisst jetzt nicht unbedingt, dass Hochstammobst immer nur als Tafelobst gedacht war. Viele Apfel- und Birnensorten wurden schon früher für Most und Saft geerntet. Und natürlich kam auf vielen Höfen auch der mobile Brenner vorbei und brannte vor Ort einen meist sehr einfachen Bauernschnaps.

Heute gibt es auch hier neue Ansätze: Sortenreine Obstsäfte und Brände werden mit viel Sorgfalt und Erfahrung in Klein- und Kleinstbetrieben hergestellt. Obstsäfte von Hochstammbäumen sind heute (teilweise regional) auch in Supermärkten zu finden. Wenn ihr ein solches Produkt entdeckt, unbedingt ausprobieren, es ist wirklich eine neue, leckere Erfahrung. Das Label von Hochstamm Suisse kennzeichnet solche Produkte.

Und die Destillate können sich durchaus messen mit Edelbränden aus dem Ausland. Nur leider ist das bei uns KonsumentInnen noch nicht so recht angekommen; es ist immer noch beliebter, einen Cognac oder Grappa zu trinken als ein einheimisches Destillat. Noch vor knapp einhundert Jahren kamen 80% der Spirituosen aus dem Inland, heute sind es noch gerade einmal 16%.

Kürzlich war ich in Luzern, in der Markthalle Buobenmatt, an einem Informationsanlass rund um Hochstammbäume, unter anderem auch über Brände aus Hochstammobst. Sonja Petignat-Keller von der Forschungsanstalt Agroscope Changis-Wädenswil ACW erklärte den Produktionsprozess vom Rohprodukt bis zum Destillat und worauf es ankommt.

Sonja Petignat-Keller ist Fachfrau fürs Brennen und eine exquisite Sensorikerin.

Sonja Petignat-Keller ist Fachfrau fürs Brennen und eine exquisite Sensorikerin.

Vor Ort brannten Vater und Sohn Hasler aus Hohenrain ein sortenreines Birnendestillat.

Vater Klaus und Sohn Christian Hasler sind erfahrene Brennmeister.

Vater Klaus und Sohn Christian Hasler sind erfahrene Brennmeister.

Mit dem mobilen Brenner entsteht mitten in Luzern ein feines Birnendestillat.

Mit dem mobilen Brenner entsteht mitten in Luzern ein feines Birnendestillat.

Um die Komplexität eines solchen Edelbrandes zu beschreiben, entwickelte Sonja Petignat-Keller mit ihrem Team ein sogenanntes Aromarad, das heisst nicht nur eines, sondern eines pro Frucht! So zum Beispiel eines für Kirsch, eines für Pflaumen und Zwetschgen sowie eines für Äpfel und Birnen.

Das Aromarad für Pflaumen und Zwetschgen.

Das Aromarad für Pflaumen und Zwetschgen.

Wir hatten die Möglichkeit, an je 8 sortenreinen Apfel- und Birnenbränden zu riechen. Welche Unterschiede! Sorgfältig hergestellte Schweizer Destillate sind beileibe keine Fuselschnäpse mehr, sondern ein spezieller Genuss für auserwählte Momente.

Übrigens probierten wir auch sortenreine Apfel- und Birnensäfte. Auch da war es wundervoll zu schmecken, wie die einzelnen Sorten den Saft unterschiedlich prägen. Richtig Furore machte der Wasserbirnensaft von Hochstamm Seetal, hell wie ein Weisswein, wenig Säure und mit einer angenehmen, nicht zu starken Süsse, ein wunderbarer alkoholfreier Aperitif.

Produkte aus dem Obstgarten

Patenschaften für Hochstamm-Obstbäume
Urs Amrein, Neuhof, Hildisrieden LU

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